Nachhaltigkeit - Was ist das überhaupt?

„Nachhaltigkeit“ – für ECOVIN kein Modebegriff, sondern ein Handlungsprinzip

Unter dem Motto „Nachhaltigkeit – ein Trendbegriff?“ stand das ECOVIN Symposium im Stadthotel Freiburg am 9. und 10. November 2010. Der Einladung des ECOVIN Bundesverbands Ökologischer Weinbau sind neben vielen Mitgliedern auch Experten der Weinwirtschaft gefolgt, um über das Thema Nachhaltigkeit im Weinbau zu diskutieren.

Nachhaltigkeit – was ist das überhaupt? Der Begriff scheint 20 Jahre nach seiner Einführung in den allgemeinen Sprachgebrauch bereits ziemlich überstrapaziert. Schenkt man vielen Werbeslogans Glauben, ist es ganz einfach, nachhaltig zu leben. Doch nur etwa 15 % der Bevölkerung können mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ wirklich etwas anfangen. Wie erkennt man die Mogelpackung hinter den flotten Slogans vieler Konzerne? Wie unterscheidet man echte, ernst gemeinte nachhaltige Ansätze vom „Greenwashing“?

Jobst Kraus, Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll, gab mit seinem Einführungsvortrag einen sehr weitreichenden guten Überblick zum Thema. Hinsichtlich der globalen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht (Klimawandel, exponentielles Bevölkerungswachstum, Ressourcenverknappung bis hin zum Verlust derzeit unentbehrlicher Rohstoffe wie Öl) formuliert er die zwingende Notwendigkeit, von einer industriellen zu einer ökologischen Zivilisation überzugehen. Dabei verwendet er als anschauliche Metapher den Umstieg vom Supertanker auf das Segelboot:

„Der Tanker als Bild für die industrielle Zivilisation steht für ein hohes Ausmaß an Ingenieursleistung, für große und schnelle Transportkapazitäten, aber auch für einen langen Bremsweg und für eine Schmutzspur, die dieser durch den Verbrauch an Schweröl hinter sich herzieht. Das Segelboot ist das Symbol für ein Einklinken in die Natur, das Nutzen der Meeresströmungen und des Windes (und auch gegen den Wind lässt sich kreuzen) und eine Rückkehr zur gedrosselten Geschwindigkeit. Das Segelboot erfordert die Kompetenz der Mannschaft, steht für Entschleunigung, und ist bei Sturm und Flaute mit Ruhe- und Wartezeiten im Hafen verbunden, bevor die Reise weitergeht. Auf dem Segelboot, als dem Bild für eine zu realisierende ökologische Zivilisation, können längst nicht die gleichen Mengen transportiert werden. Das zieht die Notwendigkeit nach sich, Produktion und Konsum „herunterzufahren“, zu „entrümpeln“. Letztlich bedeutet dies, dass unsere Gesellschaften mit weniger materiellen Gütern auskommen müssen, stattdessen aber einen Gewinn an Lebensqualität verzeichnen werden.“

Die Erkenntnisse des 2009 veröffentlichten Weltagrarberichts zeigen ganz klar, dass nur das Segelboot das langfristig erfolgreiche Transportmittel sein kann. Dies bedeutet für die Landwirtschaft, dass nur kleinräumige, regionale Strukturen und ökologischer Landbau eine steigende Weltbevölkerung nachhaltig ernähren kann. „Nachhaltigkeit“ im Sinne der nächsten Generationen und mit Risikominimierung, anstatt fixiert auf die nächste oder übernächste Konzernbilanz und unter permanenter Produktion von Folgelasten!

Die zu den drei Hauptreferaten der Säulen der Nachhaltigkeit „Ökologie“, „Ökonomie“ und „Soziales“ eingeladenen Referenten Udo Gattenlöhner (Global Nature Fund), Prof. Dr. Birgit Grahl (Industrielle Ökologie Heidekamp) und Bianca Wiedemann (FairSociety, München) stellten in äußerst versierter Weise die unterschiedlichen Blickwinkel der „Nachhaltigkeit“ dar, flankiert durch zahlreiche Beispiele aus ihrer praktischen Arbeit.

Moderiert wurde der Tag von Dr. Stefan Rösler (bis 2007 hauptamtlicher Landesvorsitzender des NABU Baden Württemberg, heute selbständiger Nachhaltigkeits-Berater und Nachhaltigkeits-Coach, ein ausgewiesener Nachhaltigkeits-Experte).

In vier Diskussionsforen zu den Themen Ökonomie, Ökologie, Soziales / Kultur und Marketing wurden die Kernaussagen auf den Bereich Weinbau fokussiert und im Plenum wieder zusammen geführt.

ECOVIN begrüßt es außerordentlich, dass derzeit viel über Nachhaltigkeit gesprochen wird. Nur so kann die breite Bevölkerung für einen verantwortungsvollen Umgang miteinander und mit der Natur weiter sensibilisiert werden.

Trendthemen führen jedoch auch immer zu Trittbrettfahrern und Missbrauch. So schießen derzeit Nachhaltigkeits-Labels mit teilweise äußerst fragwürdigen Kriterien wie Pilze aus dem Boden. Vieles was heute als „nachhaltig“ bezeichnet wird, ist substanzlose Verbraucher-Irreführung und Marketing-getriebene „Grünfärberei“! So stellt sich die Frage, was damit bezweckt werden soll, wenn Filialen von Schnell-Imbiss-Ketten plötzlich die Farbe von Rot zu Grün wechseln? Oder was davon zu halten ist, dass man inzwischen angeblich sogar CO2 neutral Auto fahren kann? Hier hat sich mittlerweile ein moderner Ablasshandel entwickelt, der äußerst lukrativ erscheint. Diese Beispiele verdeutlichen ganz klar, wie kurzfristig Marketingstrategen agieren, um auf den „Nachhaltigkeitszug“ aufzuspringen.

Der ökologische Landbau ist auf den Grundprinzipien der Nachhaltigkeit begründet und hat sich über Jahrzehnte hinweg stetig weiterentwickelt. ECOVIN unterzieht seine Richtlinien seit seiner Gründung 1985 ständigen Kontrollen. Durch die Praxis der Winzer ist im Laufe der Jahre ein wertvoller Erfahrungsschatz entstanden. Das ECOVIN-Symposium zum Thema Nachhaltigkeit hat den Teilnehmern allerdings auch verdeutlicht, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Nachhaltigkeit zu praktizieren ist ein fortwährender Prozess. Daher ist auch ECOVIN noch nicht am Zielbahnhof angekommen, aber bereits an vielen Baustellen vorbei, mit denen konventionelle Winzer noch zu kämpfen haben. ECOVIN hat den Anspruch, die eigenen Nachhaltigkeitskriterien ständig zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Das Symposium hat wichtige Anregungen zur Weiterentwicklung der Richtlinien und der Praxis in den Weinbergen gegeben. 

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Ralph Dejas, Geschäftsführer ECOVIN

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